Die Orakelquelle des St. Moritz

Foto: Christopher Weidner

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Nein – St. Moritz liegt nicht nur im Engadin, sondern auch am Rande der Fränkischen Schweiz, unweit der Ortschaft Leutenbach. Und dieses eher unbekannte Fleckchen Erde in der Fränkischen Schweiz birgt eine Besonderheit: Nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt hören wir es schon plätschern – das Orakelbrünnlein des Heiligen Moritz. Hinter den Gittern einer weiß getünchten Feldkapelle quillt das Wasser aus der Tiefe und ergießt sich zwischen groben Steinen in ein kleines Bächlein davor. Über allem wacht die seltsam hölzern wirkende Statue des Ortsheiligen Sankt Mauritius oder Sankt Moritz – ein Schild in der linken, die Legionärslanze in der rechten Hand, den Blick geradewegs auf den Besucher gerichtet. Auf seine Weise wirkt er fast unheimlich in seiner starren Pose.

Der Heilige bewacht die Quelle und ihr Geheimnis: sie soll magische Kräfte besitzen und die Zukunft prophezeien können. Dazu bitte man St. Moritz um seinen Beistand, werfe ein Stückchen Holz in den Brunnen und stelle eine Frage. Schwimmt es obenauf – wird sich alles zum Besten wenden. Geht es aber unter, dann sieht es leider düster aus. Andere berichten von Heilkräften des Wassers: es soll gegen Hautkrankheiten und Augenleiden helfen. Eins soll man jedoch tunlichst unterlassen: das Wasser trinken – das bringe Unglück, so erzählt man sich.

Wer war dieser St. Moritz? In der Tat ist es der Gleiche, der dem berühmten Ski-Ort und Tummelplatz für Promis seinen Namen gab – und übrigens schon im Mittelalter für seine Heilquellen berühmt war. Geboren wurde er wohl im 3. Jahrhundert nach Christus im ägyptischen Theben. Die Legende berichtet, dass er sich der Thebäischen Legion des römischen Kaisers Maximianus anschloss und dort zum Kommandeur aufstieg. Mauritius war Christ – und dies wurde ihm zum Verhängnis, denn als der Kaiser gegen die Christen ziehen wollte, weigerte er sich, diesem Befehl zu folgen. Bei der Überquerung der Alpen im Jahre 302 oder 303 n.Chr. meuterte er mit seinen Mannen bei Agaunum, dem heutigen St. Maurice – nicht zu verwechseln mit St. Moritz! – im Kanton Wallis. Der Zorn des Kaisers ließ nicht auf sich warten: dieser gab den Befehl, die Legio zu dezimieren, d.h. so lange jeden zehnten Legionär zu töten, bis die Übriggebliebenen aufgaben. Doch die Legion des Mauritius blieb standhaft – und es kam zu einem Blutbad: ohne Gegenwehr zu leisten wurden alle Soldaten hingerichtet. Mauritius wurde zum Märtyrer und später zum Heiligen.

Noch eine Besonderheit weist der Heilige Moritz auf: ab dem 15. Jahrhundert wird er immer häufiger auch als gewappneter Ritter mit dunkler Hautfarbe dargestellt, als “Mohr”. So finden wir ihn als Schutzpatron von Coburg als “Coburger Mohr” im Stadtwappen. Sein Name wird ausschlaggebend gewesen sein: lat. maurus, eigentlich der “Maure”, wird später gleichbedeutend für “Mohr”. Aufgrund seiner Farbigkeit wird er u.A. zum Schutzherrn der Färber und Glasmaler – überhaupt aller Berufe, die mit Farben zu tun haben. Zudem wird er angerufen bei verschiedenen Leiden wie Ohrenschmerzen, Gicht und sogar Besessenheit.

Foto: Christopher Weidner

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Wir gehen ein Stück des Weges weiter und erblicken bald die Kapelle St. Moritz, von den Einheimischen auch “Moritzla” genannt, die hinter hohen Mauern auf einem Bergvorsprung über den Wald ragt – wie ein Schmuckstück in einer Schatulle. Das Alter der Kirche ist ungewiss, urkundlich erwähnt wird sie erst im 15. Jahrhundert, doch mit Sicherheit ist dieser Ort wesentlich älter. Jahrhundertlang war die Kapelle ein Wallfahrtsort. Wir betreten also den idyllischen Friedhof durch das Tor rechts neben dem Einsiedlerhäuschen – und finden uns auf einem Grund wieder, von dem eine magische Anziehungskraft ausgeht. Wie die Reeling eines Schiffes umgeben die Mauern in einem Sechseck die Kirche – ihr Turm der hochaufragende Mast. Mit ihrem Bug durchpflügt die Kirche die Wälder wie die hohe See. Alles ist ganz ruhig und innig hier nur das Rauschen des Silberbaches unterhalb der Kapelle ist zu hören: dort bildet er einen Wasserfall und soll in früherer Zeit eine Mühle angetrieben haben. Silberbach? Es wird vermutet, dass der nahe gelegene, aber mittlerweile verschwundene Weiler Oberleutenbach eine Siedlung von Bergleuten war, die dort nach Silber schürften. Vielleicht erklärt dies auch die oft genannten, mysteriösen unterirdischen Gänge in dieser Gegend. Die St.Moritz-Kapelle mit ihren etwa 1 Meter hohen Mauern und ihrem stämmigen Turm mag für die Menschen im Falle eines Angriffes als letzte Zufluchtsstätte gedient haben. Im Inneren der Kirche – leider nur gegen Voranmeldung zu besichtigen – entdecken wir über dem Tabernakel am Hochaltar das Standbild des Kirchenpatrons, zu seiner Linken de Hl. Nikolaus und zu seiner Rechten der Hl. Otto.

Hinter uns, etwas weiter den Pfad über einige befestigte Stufen bergauf, erhebt sich der Burgstein: dort sind noch die Reste einer alten Burganlage zu finden, einst der Stammsitz der freien Herren von Leutenbach. Es geht das Gerücht, dass St. Moritz ursprünglich die Kapelle der Burg gewesen sei und mit dieser durch einen unterirdischen Gang verbunden ist. Doch davon ist nichts erwiesen noch hat man einen solchen Gang jemals gefunden. Doch was kümmert es – von dort haben wir einen fantastischen Ausblick: wir blicken hinab ins Tal auf die Kapelle und weit ins Land hinein bis zum sagen umwobenen “Walberla” – sogar die Vexierkapelle ist von diesem Platz aus bei gutem Wetter und klarer Sicht zu sehen. Dieser Blick erfrischt die Sinne – ein wahrer Kraftort.

Die drei Etappen dieser kleinen Wanderung tragen jede eine andere Signatur der Kraft: die Moritz-Quelle ist ein mysteriöser Platz, die Kapelle ist eine idyllische Zufluchtsstätte und der Burgstein weitet unseren Blick für die übergeordneten Zusammenhänge. Wenn wir an der Quelle unserer Frage stellen, verinnerlichen wir das Geheimnis ihrer Antwort in der Umfriedung der Kapelle und überwinden jeden Zweifel auf dem Burgstein. So wird die Antwort auf die Frage unserers Lebens in drei Stationen aus der Tiefe der Erde ans Licht der Welt gebracht.

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