Die Nixe aus der Unstrut

Foto: Christopher Weidner

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Bevor die Unstrut bei Naumburg in die Saale mündet, hat sie bereits fast 200 Kilometer durch Thüringen und Sachsen-Anhalt zurückgelegt. Ihr Name geht auf das germanische Wort für Sumpf zurück und die Vorsilbe „Un-“ ist eine Steigerungsform dazu: wie aus einem Wetter ein „Unwetter“ wird, so wird aus einem Sumpf, ein „Unsumpf“ – oder eben die Unstrut. Dies zeigt, dass dieser Fluss sich mitnichten immer so sanft und beschaulich gegeben haben mag, wie ihn heute Kanufahrer und Wanderer erleben. Und so verwandelt sich das von Bäumen und Büschen flankierte Gewässer noch heute in regenreichen Zeiten in einen reißenden Strom und sein Wasser droht über die Ufer zu treten und Wiesen, Felder und Städte zu überfluten.

Quelle: Wikipedia

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Diese Unberechenbarkeit des Wassers schuldete man in früheren Zeiten den Launen der Wassergeister, die ihre Heimstätte in den Flüssen hatten. Wie ihre große Schwester, die Saale, wird auch die Unstrut von solchen unheimlichen Wesen bewohnt. Man erzählt sich von der Unstrutnixe und beschreibt sie als eine wunderschöne Frau mit wasserhellen Augen und langen, nasstriefenden Haaren, die ihr bis zu den Fersen reichen. Wenn sie an den Ufern entlang schreitet, rauscht sanft ihr Kleid aus Seide und man hört das Plätschern der Wellen darin. Auch wenn sie vielen Menschen nicht geheuer ist, so gilt sie doch nicht als böser Geist, denn wer ihr wohlgesonnen ist, den lässt sie in Frieden und zeigt sich sogar mildtätig, dann und wann. Doch üble Menschen und solche, die ihr spotten, haben nichts Gutes von ihr zu erwarten: die holt sie in ihr nasses Grab.

Die Unstrut, so heißt es, will noch vor dem Johannis-Tag – der Mittsommernacht -, ein Opfer haben. Erst danach ist man an ihren Ufern wirklich sicher. Nur Kinder sollten das ganze Jahr auf der Hut sein, denn trauen sollte man dem Frieden auf keinen Fall. Einmal warfen dumme Jungen mit Steinen nach der Nixe als sie gerade auftauchte und sangen:

Wassernixe, du musst sterben
in dem tiefen Wasserloch!
Wassernixe, bist getroffen?
Wassernixe, lebst du noch?“

Das freilich mussten die Bengel büßen. Ehe sie es sich versehen konnten, griff sie eines der Kinder und zerrte es an den dunklen Grund des Wassers – auf Nimmerwiedersehen. Ein anderes Mal weinte eine Frau an den Ufern der Unstrut und beklagte den Verlust ihres Kindes, das in den Fluss gefallen und dort ertrunken war. Die Tränen regneten nur so in das Wasser. Da tauchte die Nixe auf und übergab der Mutter das tote Kind, um zu zeigen, dass sie es nicht geholt hatte, sondern das es ein Unfall war. Zugleich überreichte sie ihr eine goldene Schale mit Perlen darin und flüsterte mit ihrer sanften, plätschernden Stimme: „Nimm diese, es sind deine Tränen, die ich auffing“ – und verschwand in den Tiefen.

Foto: Christopher Weidner

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Geopfert haben die Menschen den Wassergeistern, in der Hoffnung, sie milde zu stimmen und vor dem Hochwasser verschont zu bleiben. So wird berichtet, dass ein Müller, dessen Wehr von der Unstrut immer wieder zerstört worden war, gehört hatte, er müsse ein lebendes Wesen beim Errichten des neuen Wehrs einmauern. Nach anfänglichem Zweifeln entschied er sich, dieses schreckliche Opfer zu bringen und kaufte einer armen Frau ihr Neugeborenes ab. Unter Zaubersprüchen mauerte der Baumeister des Müllers den Säugling um Mitternacht in das neue Wehr ein – mit Erfolg: zwanzig Jahre trotze das Bauwerk jedem Hochwasser. Eines Tages aber ging die Mutter des Kindes an dem Wehr vorbei – da erhob sich die Unstrut, begann zu brodeln und zu schäumen, bäumte sich in einer gewaltigen Welle auf und zerstörte die Mauern. Aus den Fluten aber tauchte eine wunderschöne Nixe auf mit langem, goldenem Haar, niemand anderes als die Tochter der unglückseligen Frau. In Panik rannte sie davon. Tage später fand man sie – ertrunken in der Unstrut.

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