Die Wehrkirche St. Georg zu Effeltrich

Wehrkirche St. Georg in EffeltrichAm Rande des alten Dorfkernes von Effeltrich, einer Ortschaft am westlichen Ende der Fränkischen Schweiz, erheben sich die eindrucksvollen Mauern der Wehrkirche St. Georg. Sie zählt zu den besterhaltenen Kirchenburgen des Frankenlandes und von der fast viereckigen Anlgae sind noch drei Rundtürme und ein rechteckiger Turm erhalten und recken ihre spitzen Dachhüte in den Himmel – ursprünglich bildete die Kirchenfestung ein Fünfeck. Auch wenn von dem einst die ganze Anlage umgebendem Wehrgang nur noch Teil erhalten sind, hinerlässt ihr Anblick einen tiefen Eindruck: Warum in aller Welt wurde eine Kirche von derart massiven und mächtigen Mauern eingeschlossen – vor wem oder was galt es, sich zu schützen?

Wehrkirche St. Georg in Effeltrich - durch den TorbogenDie Antwort ist Geschichte: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts überfielen die Nürnberger das Land im ersten Markgrafenkrieg 1149/50. In den Wirren dieser Zeit waren die Dorfbewohner und die Bauern die Opfer: sie hatten keine Burgen, in die sie sich flüchten konnten, und konnte sich auch nicht hinter starkne Stadtmauern zurückziehen wie die Städter. Warum dann keine Mauer um die Dörfer bauen? Viel zu unsicher – denn so viele Männer gab es nicht, die es gebarucht hätte, um eine so lange Umfriedung zu verteidigen. So enstchloss man sich bereits um 1300 herum in Franken die Kirchen samt der Friedhöfge in kleine Burgen umzubauen: der Kirchturm wurde mit Schießscharten versehen, die Friedhofsmauern verstärkt und oftmals mit einem Wehrgang ausgerüstet. Wichtig war auch die Lage dieser Wehrkirchen: sie durften nicht in der Dorfmitte liegen, sondern eher am Rande, um den herankommenden Feind sofort erspähen zu können. Und ihr Eingang musste zur Dorfseite ausgerichtet sein, damit die Einwohner sich bei Gefahr im Verzuge schnellstens hinter die schützenden Mauern zurückziehen konnten.

Ludwig Uhland dichtete wohl mit einer solchen Kirchenburg vor ASugen in seiner „Döffinger Schlacht“:

Am Ruheplatz der Toten, da pflegt es still zu sein,
Man hört nur leises Beten bei Kreuz und Leichenstein.
Zu Döffingen war’s anders; dort scholl den ganzen Tag
Der feste Kirchhof wider von Kampfruf, Stoß und Schlag.

Die Städter sind gekommen, der Bauer hat sein Gut
Zum festen Ort geflüchtet und hält’s in tapfrer Hut.
Mit Spies und Karst und Sense treibt er den Angriff ab;
Wer tot zu Boden sinket, hat hier nicht weit ins Grab.

Wehrkirche St. Georg in Effeltrich - St. Georg in der NischeSchreiten wir also auf das Tor zu, die berühmte Effeltricher Dorflinde in unserem Rücken. Über dem Bogen begrüßen uns in drei Nischen die gotischen Holzfiguren der Hlg. Laurentius, Georg und Sebastian. Etwas weiter rechts reitet in einer weiteren bunt bemalten Nische noch einmal der Heilige Georg, der Schutzherr dieser Kirche, und sticht den Drachen. Es ist dieses Reiterstandbild, dass von jungen Männern in Effeltricher Tracht zum Georgiritt mitgeführt wird.

Der Georgiritt. Effeltrich ist bekannt in der Fränkischen Schweiz für sein lebendiges Brauchtum. Der wichtigste und bekannteste ist der Georgiritt, eine Pferdewallfahrt, bei der an jedem Ostermontag der Kirchenpatron geehrt wird. In einem farbenprächtigen Zug werden Pferde aus der Umgebung durch das Dorf und an der Kirchenfestung vorbeigeführt, allen voran der Pfarrer hoch zu Ross. In Effeltrich, der „Apfelreichen“, ist der Heilige Georg übrigens so beliebt, dass noch heute der Vorname Georg überdurchschnittlich häufig vergeben wird.

Wehrkirche St. Georg in Effeltrich - St. Georg vor dem EingangDer Drachentöter ist uns schon in einem anderen Zusammenhang begegnet: wie auch zum Beispiel im Ramsachkircherl am Rande des Murnauer Mooses könnte seine Gegenwart ein Hinweise darauf sein, dass an diesem Ort besondere Erdkräfte gebunden sind. Der Drache steht dann für die wilden tellurischen Kräfte, während die Lanze des Heiligen den Drachen nicht tötet, sondern konzentriert – und für den Menschen nutzbar macht. Die geomantische Variante dieser Legende sozusagen.

Wir überqueren den Friedhof und begegnen dem Heiligen Georg wieder, diesmal in einer moderneren Darstellung rechts vom Eingang zur Kirche und in einprägsamer Dramatik. Der Drache ist nun kein Fabelwesen mehr, sondern ganz im Sinne der kirchlichen Deutung der Legende Luzifer selbst, das Böse. Auf diese Weise eingestimmt betreten wir das Gebäude. Wenden wir uns dem um 1720/30 geschaffenen Hochaltar zu, in dessen Mitte der Heilige Georg seinen Kampf gegen den Drachen erneut zu führen hat. Und wir müssen nicht lange suchen, um sein Abbild erneut zu erblicken: an der südlichen Langhauswand finden wir ihn wieder in Gestalt einer spätgotischen Holzfigur, auf dem Drachen stehend und seine mit einem Kreuz gekrönten Lanze in sein zahnbewehrtes Maul stechend. Doch im Gegensatz zum apokalyptischen Alptraum, der mich noch am Eingang der Kirche begrüßte, strahlt dieser Georg eine unendliche Gelassenheit aus, fast möchte man meinen, er träume vor sich hin, während er das Ungeheuer streckt. Und dann erkenne ich – seine Lanze verbindet ihn mit dem Drachen! Ich stelle mir vor, wie seine Urkraft an dem Stab hinaufwandert und den Ritter erfüllt – er tankt die Erdenergie, indem er sie anzapft und sich mit ihr verbindet.

Wehrkirche St. Georg in Effeltrich - St. Georg Statue in der KircheSchutz und Rückzug – dies sind die Themen dieses Ortes, verbunden mit der Kraft der Erde, die an dieser Stelle gebunden scheint. In der Kirche selbst ist es überall zu spüren: Wir stehen auf einem bedeutsamen, kraftvollen Ort. Ich nehme mir einige Zeit, um diese Energie in mir aufsteigen zu lassen, für einen Augenblick folge ich dem Bild des Heiligen Georgs, spüre wie ich mit meinen Füßen mit dem Untergrund verbunden bin und wie die Energie durch meine Sohlen über mein Rückgrat hinauf steigt. Mein Rückgrat – die Lanze, mit der ich mich mit den Erdkräften verbinde. Ein Woge von Kraft erfüllt meinen ganzen Körper – mit jedem Atemzug wird sie stärker und setzt sich durch den Raum fort. Dann habe ich mit einem Male genug – und wende mich zum Gehen. Die Energie des Ortes ist sehr gebündelt und mächtig – zusammengehalten und konzentriert im Schutz der starken Mauern der Kirchenfestung.

Beim Verlassen der Kirche atme ich tief durch – ich fühle mich kraftvoll und verbunden. Bevor wir den Friedhof wieder verlassen, lohnt es sich vim Eingang der Kirche aus rechts herum um das Gebäude zu gehen und die Nordseite zu besuchen. Dort findet sich ein fast unscheinbares Kleinod – eine Marienstatute in einer mit Efeu und Blumen geschmückten Grotte. In ihrem weißen und blauen Gewand erhebt sie die Augen in Andachht gen Himmel – ein fast kitschiger Anblick. Und doch nach diesem kraftvollen Erlebnis in der Kirche genau das Richtige, um die Energie wieder zu erden und zu sich zu finden. Für einen Moment verweile ich in ebenso stiller Andacht vor dieser Statue und reflektiere das Erlebte:

Wehrkirche St. Georg in Effeltrich - Marienstatue an der NordseiteWovor brauche ich zurzeit Schutz? Welche inneren Stärken habe ich, um mich selbst zu schützen? Wie gut bin ich mit meinem inneren Fundament verbunden? Habe ich das Bedürfnis, mich zurückzuziehen, um wieder in Berührung mit der Kraft meiner inneren MItte zu gelangen? Wenn ich mich gerade zurückziehe – was suche ich in diesem Rückzug?

Dann verlasse ich die Festung durch den Torturm und mein Blick fällt auf die uralte Linde, deren schwere Äste von einem Konstrukt aus Holzbalken getragen werden, sodass sie die Form eines gewaltigen runden Daches einnimmt. Da wird mir ein zuweites Geheimnis von Effeltrich bewusst: diese Linde ist das Gegenstück zu St. Georg mit seiner männlichen, aufsteigenden Yang-Energie. Hier finde ich den weiblichen Yin-Pol. Immer noch energetisch lenke ich meine Schritte auf den Dorfplatz, um unter der Linde ganz zu werden.

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